Stadtwappen HardegsenHardegser Fotomuseum

Übersichtskarte

Am und auf dem Mühlenstieg

von Andreas Lindemeier

Eine besondere Straße in Hardegsen ist der Mühlenstieg. Verkehrsverbindung im großen und kleinen Rahmen, jahrzehntelang Bindeglied zwischen Zementwerk, dem wichtigsten Arbeitgeber und der Stadt und Lebensraum für viele Menschen.
Im Folgenden wird die Entwicklung der Straße und die Bauentwicklung skizziert. Auf der Grundlage von Gesprächen mit drei Zeitzeugen wird die Bebauung der Grundstücke »Herre« »Bernshausen« und »Lenthe« exemplarisch näher dargestellt.

Mühlenstieg (Signatur sas_0007)

Winter auf dem unteren Mühlenstieg ca. 1952, rechts hinten Hausnummer 1. Die Kinder rodeln, die Männer gehen zur Arbeit »auf Portland« , Adolf Kerwin und Theo Webbersen (re)

»Durchfahrt verboten – Anlieger frei!« Bei keiner anderen Straße in Hardegsen reizt die Regelübertretung so sehr wie beim Mühlenstieg, denn diese Strecke über den Bahnübergang, dann die »Zwetschgenallee« hinunter nach Lutterhausen, ist der kürzeste Weg in Richtung Moringen. Das haben auch unsere Vorfahren genutzt und legten eine Handelsstraße, später Postroute, von Norden durch die Weper nach Hardegsen an.

Auf dem Mühlenstieg waren Kutschen unterwegs, die Personen und Post transportierten, Fuhrwerke zogen über den Pass in der Weper, Vieh wurde auf dem Weg getrieben, Menschen waren zu Fuß auf größeren und kleineren Strecken unterwegs.
Zwischen 1875 und 1878 wurde der Verkehr durch die Weper durch den Bau der Eisenbahnlinie von Northeim nach Ottbergen behindert. Ein tiefer Einschnitt war zu graben, der schließlich die Weper von dem Galgenberg trennte.

Mitte des 19. Jahrhunderts verlagerte sich der Fernverkehr auf die Chaussee, die östlich an den Ausläufern des Galgenbergs vorbeiführte und dann nach Hardegsen abzweigte. Der Mühlensteg trat als Verbindungsstrecke aus seinem großen Rahmen heraus und blieb im kleinen Rahmen vor allem für die Bürger aus Blankenhagen und Lutterhausen die wichtige Verbindung in die Stadt Hardegsen, über die das Korn zur Mühle nach Hardegsen gebracht wurde. Daher der Straßenname, früher »Möllensteg«, später »Mühlenstieg«.
Dort, wo der Weg durch die Weper die Bahnlinie kreuzt, entstand in Folge der Inbetriebnahme der Eisenbahnlinie 1878 ein Haus, in dem der Schrankenwärter wohnte, der bei Herannahen eines Zuges die Strecke mit einer Schranke absperrte.

Mühlenstieg (Signatur li_0940)

Die Aufnahme von ca. 1925 zeigt im linken oberen Bereich das unbebaute Gebiet der heutigen Sohnreystraße. Der von Zwetschgen- und Apfelbäumen gesäumte Weg in der Mitte des Bildes verläuft auf der heutigen Straße Am Sonnenberg, zweigt vom Mühlenstieg ab und mündet in die Bahnunterführung unterhalb der Weper. Der Cölnhöfen ist noch nicht bebaut. Die ersten beiden Häuser entstehen 1927. Das einzige Haus mit Schuppen steht an den Ausläufern des Galgenbergs (heute Galgenbergstraße 6). Es wurde in den 1910er Jahren von der Zementfabrik gebaut und Familie Willi Bernecker zog ein.

Der Galgenberg ist kahl. Parallel zum oberen Mühlenstieg zieht sich ein Weg am Galgenberg hinauf, der in den Steinbruch des Zementwerkes führte. Er wurde Anfang der 1920er Jahre angelegt, als Schneise um Betonlichtmasten aufzustellen (Ein letzter steht heute noch auf dem Gelände des Angelsportvereins). Hierüber lief die Stromleitung aus dem Zementwerk über den Bruch in die Stadt hinein, um die Villa des Direktors der Zementfabrik, Otto Ohlmer, die 1922/23 gebaut wurde (heutige Stadtverwaltung), mit Strom zu versorgen.

Der Mühlenstieg beginnt an der Brücke über die Espolde, die früher nicht so massiv und gesichert wie heute war. Hier wird um 1900 das heutige Haus Mühlenstieg 1 gebaut. Der damalige Schotterweg verläuft dann ostwärts, macht eine langgezogene Linkskurve und verläuft mit zunehmender Steigung nach Norden Richtung Bahnlinie. Der Fahrweg war mit grob behauenen Kalkbordsteinen vom Bürgersteig abgetrennt. Anfang der 1960er Jahre wurde die Straße geteert.

Mühlenstieg (Signatur sas_0023)

Auf diesem Bild aus dem Jahre 1949, das den jungen Hans-Eckard Sasse (Mühlenstieg 19 bis 1953) zeigt, kann man die grob behauenen Natursteine, die Fahrweg von Fußweg abtrennten , gut erkennen.

Mühlenstieg (Signatur fr_0023)

Die Unterkunft für den Schrankenwärter war das erste Haus, das am Mühlenstieg gebaut wurde. Es wurde ca. 1890 im gleichen Baustil wie die beiden Bahnmeistereien in der Bahnhofstraße (Nr. 24 und 29) errichtet.

Anfang des 20. Jahrhunderts wohnte in dem kleinen Häuschen die Familie Penderock. Frau Penderock war die Schrankenwärterin, ihr Mann arbeitete als Gleiskontrolleur an der Strecke und überwachte deren Zustand.

Wie in allen anderen Häusern gab es noch kein fließendes Wasser. Penderocks holten ihr Wasser aus einem Brunnen, der ca. 150 Meter weiter unten auf dem schmalen Grundstück lag, das zum Bahnwärterhaus gehörte.

Als Anfang der 1980er Jahre dieses Grundstück das Ehepaar Dietrich kaufte, um dort zu bauen, fanden sie diesen Brunnen noch vor. Er war abgedeckt, ca. 20 Meter tief, die ersten 5 Meter mit Ziegelstein in der Tiefe eingefasst und die restlichen Meter waren in den harten Kalkstein gegraben. Besonders im Sommer lief wenig Wasser zu, sodass der Brunnen aufgegeben wurde.

Das Ehepaar Penderock zog nach ihrer Pensionierung in das inzwischen abgerissene kleine Gebäude unterhalb des Wachturms in der Mühlengasse.

Der Nachfolger im Bahnwärterhaus war Herrmann Götte. Er lebte dort mit seiner Familie bis in die 1950er Jahre. Die Tochter Luise, später Verheiratete Kreikenbaum arbeitete in dem Haus als Schneidermeisterin und bildete Lehrlinge aus. Eines der Lehrmädchen war von 1949-1952 Anny Eggers (verh. Wielert) aus Schlarpe. Für sie hieß es, frühmorgens von Schlarpe drei Kilometer zu Fuß zum Bahnhof nach Volpriehausen zu laufen, mit dem Zug bis Hardegsen zu fahren und vom Bahnhof zwei Kilometer über die Bahnhofstraße und den Mühlenstieg zum Bahnwärterhaus zur Arbeitsstelle zu laufen. Die Sohnreystraße gab es zur damaligen Zeit noch nicht. Das Gebiet wurde als Ackerland durch die Domäne bewirtschaftet. Auch samstags wurde gearbeitet. Fuhr einmal kein Zug, ging Anny Eggers zu Fuß die acht Kilometer nach Schlarpe.

Die Schrankenwärterin und die Schrankenwärter, die am Posten 30 an der Strecke Northeim – Ottbergen am Mühlenstieg ihren Dienst taten, waren in der Regel freundliche, aufgeschlossene Menschen, die vor allem gut informiert waren, weil etliche, die auf ihrem Weg durch die Weper oder zum Zementwerk ein kurzes Schwätzchen mit ihnen hielten. So war es bei Frau Penderock und später in den 50er und 60er Jahren auch beim Schrankenwärter Adolf Bartols und seiner Frau Minna, die vor allem den Kindern sehr zugewandt waren. Diese kamen immer gern zu einem kurzen Besuch den Berg hoch, um sich von Herrn Bartols die Funktion der Schranke erklären zu lassen.

Mühlenstieg (Signatur he_0015)

Posten 30: 1935

Im Winter, bei fester Schneedecke auf dem Mühlenstieg, kamen Kinder und Jugendliche bis hoch zur Schranke, setzten sich auf ihre Schlitten und Herr Bartols gab oftmals einen kräftigen Anschub, damit der Schlitten schnell Fahrt aufnahm und möglichst weit hinunter in den Mühlenstieg glitt. Mit zusammen gebundenen Schlitten (siehe Bild unten) gelang es unter besonders günstigen Gleitbedingungen, bis hinunter zur Gaststätte »Drei Kronen« zu rodeln. Störungen gab es nur durch entgegenkommende Fahrzeuge oder wenn wegen zu starker Glätte der Weg abgestreut wurde. Der Mühlenstieg war die längste Rodelbahn in der Stadt.

Mühlenstieg (Signatur sas_0030)

Rodelarena Mühlenstieg: Viele waren unterwegs, Schlitten wurden zu Bobs zusammengebunden

Neben dem Schrankenwärterhaus gab es um 1898 eine bescheidene Unterkunft auf dem oberen Grundstück des Hauses Mühlenstieg Nr.19, fast versteckt am Hang auf einer Terrasse. Auf dem Grundstück baute der Maurermeister Wilhelm Hansmann (aus dem Hause Göttinger Straße 4) kostenfrei mit einigen Helfern von der Zementfabrik der Familie, die in sehr ärmlichen Verhältnissen lebte, ein bewohnbares, festes Haus, bestehend aus einer Küche und einem Raum. Die Frau, die mit ihrer Familie hier wohnte, nähte in der Zementfabrik Löcher in den Transportsäcken zu, eine Arbeit, der etliche Hardegser Frauen nachgingen, um sich etwas Geld zu verdienen.

Die kleine Unterkunft hatte zunächst keinen Zugang direkt zum Mühlenstieg. Zwischen der bescheidenen Unterkunft und dem Mühlenstieg lag Land der Familie Penderock. Die Familie musste über fremde Nachbargrundstücke gehen, bzw. einen Koppelweg hinter dem Grundstück benutzen, der auf den späteren Sonnenberg führte, um von ihrem Grundstück zu kommen.

Die Magistrate von Stadt und Kreis wurden schließlich auf die beengten Verhältnisse auf diesem Grundstück aufmerksam und wollten die Familie in ein Armenhaus übersiedeln. Die Räumung verzögerte sich immer wieder und verlief schließlich im Sande. Das Haus wurde mehrfach erweitert, bis es schließlich 1938 grundlegend saniert, erweitert und um eine Etage aufgestockt wurde.

Mühlenstieg (Signatur sas_0002)

1938, kurz vor der Erweiterung des Hauses. Auf dem schmalen, zugekauften Streifen links des Hauses wurde ein Weg angelegt und eine Miste gebaut. Der linke Teil des Gebäudes ist das ursprüngliche Häuschen mit zwei kleinen Zimmern (an der dunklen Dachziegelfarbe erkennbar).

Vor der Erweiterung des Hauses konnte 1938 die Familie Bernshausen einen schmalen Streifen von der Familie Penderock kaufen, der sich vom Mühlenstieg, am Haus vorbei den Berg hochzog. Erst jetzt erhielt das Grundstück Zugang zum Mühlenstieg. Es wurde dann eine zwanzigstufige, steile Treppe zum Haus hinauf angelegt.

Mühlenstieg (Signatur sas_0013)

1965: Das erweiterte, aufgestockte Haus, links auf dem zugekauften, schmalen Streifen der steile Treppenaufgang und ein kleiner Schuppen. Hinten links das gerade gebaute Haus von Herrn Beinhauer sen., das über den Sonnenberg zu erreichen ist.

Als nächstes wurde 1937 das Haus von Wilhelm Herre an den Mühlenstieg gebaut. Es hat allerdings seinen Zugang giebelseitig und zählt heute zum Sonnenberg. Ursprünglich wollten Herres am Cölnhöfen bauen. Da hätten sie aber zu wenig Ackerland dazu kaufen können, was Vater Wilhelm Herre sen., nach dem 2.Weltkrieg Bürgermeister von Hardegsen, als notwendig zur Lebenssicherung ansah. So kaufte Wilhelm Herre jun. nicht nur ein kleines Eckgrundstück am Mühlenstieg von dem Bahnwärter-Ehepaar Penderock, sondern, sehr weitsichtig, eine Fläche von insgesamt 2500 m2, die rechts an der heutigen Straße Am Sonnenberg lag. Hier stehen inzwischen vier Häuser, die von Nachfolgegenerationen der Familie Herre/Spiwocks bewohnt werden. Die Familie Herre ist eine der wenigen Familien in Hardegsen, die seit fast 100 Jahren mit allen Generationen auf dem eigenen Grundstück wohnt.

Das Haus »Herre« wurde 1937 zeitgleich mit den Häusern »Pertz/Düwel« Am Cölnhöfen und dem Gebäude der »Hardegser Bezugs- und Absatzgenossenschaft« (heute Gebäude der Kreissparkasse) Vor dem Tore gebaut. Das sind die ersten Häuser, die vom noch jungen Baugeschäft Gerwig geplant und ausgeführt wurden. Für alle drei Häuser wurde gemeinsam der gleiche Putz gekauft.

Mühlenstieg (Signatur li_0942)

1941: das hoch aufgestockte Haus der Familie Bernshausen Nr.19, links darunter das Haus der Familie Herre (heute Am Sonnenberg2), 1937 erbaut.

Das Haus »Herre« hatte anfangs keinen Strom, man benutzte Kerzen und Petroleumlampen. Es lief zwar am Mühlenstieg die Stromleitung vom Zementwerk zur Direktorenvilla Ohlmer in der Stadt vorbei, doch die durfte nicht angezapft werden. Herr Herre kaufte schließlich zwei Holzmasten und ließ sie zwischen seinem Haus und dem Cölnhöfen aufstellen. Bis hier lief Anfang der 1930er Jahre die Stromleitung, die jetzt über die selbst gekauften Masten zum Haus Herre weitergeführt wurde. 1941 wurde die Leitung bis zum Bahnwärterhaus weitergeführt (siehe Bild 1941, auf dem die Leitungsmasten zu erkennen sind).

Auch an eine städtische Wasserleitung war der obere Mühlenstieg noch nicht angeschlossen, die wurde erst mit der Erschließung des Baugebiets Sohnreystraße/Am Sonnenberg ab 1950 verlegt. Familie Herre schloss sich in den Anfangsjahren an die Wasserleitung an, die aus der Stadt zum Zementwerk führte. Die litt aber besonders in Sommermonaten an fehlendem Wasserdruck, sodass man sich das Wasser in diesen Notzeiten von der Familie Vogt vom Cölnhöfen (Haus war 1927 erbaut) holte.

Beim Ausschachten des Hauses von Wilhelm Herre stieß man auf eine Lehmader, die in den Mergelschichten eingeschlossen war. Aus diesem Material konnte man im Haus Decken und Wände putzen. Gegenüber am Hang des Galgenbergs war früher deutlich ein Tonvorkommen sichtbar. Beide Vorkommen in diesem Bereich sind ein deutlicher Beleg, dass sich hier die Kontaktzone zwischen dem Kalkstein des Höhenzuges der Weper und dem darunterliegenden Buntsandstein des Sollings befindet. Kalk lagert über Sandstein. Durch Aufwölbung des Sandsteinmassivs des Sollings, blieb um das Sandsteinmassiv ein Ring Muschelkalk. Die lokale Kontaktzone liegt in Hardegsen an den unteren Hangausläufern der Weper, des Galgenbergs und des Gladebergs.

Mühlenstieg (Signatur fr_0025)

Unterer unbebauter Mühlenstieg 1930, Höhe heutiger Grundstücke 12 – 6

Das nächste Haus am Mühlenstieg entstand 1939 im unteren Teil der Straße, Nr. 3, (Düwel), zeitgleich mit den Häusern in der Weperstraße Nr.2 (Göbel), Nr.4 (Heise) und Nr.8 (Wille). Das Haus Nr. 6 (Ahlborn) wurde etwas später gebaut.

Auf der Höhe des Grundstückes Herre führt ein Schrägweg den Galgenberg hinauf und lief früher auf ein Plateau oberhalb des Steinbruchs. Zeitweise nutzte der Fußballverein »Viktoria Hardegsen« den Steinbruch in den 1920/30er Jahren als Spielfeld. Die Fußballer kamen über den Schrägweg zu ihrem Sportgelände. Ursprünglich sollte der Sportplatz Anfang der 1920er Jahre auf dem bis dahin unbebauten Grundstück des heutigen Bürgerparks entstehen. Hierhin wollte Herr Ohlmer seine Direktorenvilla bauen und das Grundstück auch als Garten nutzte. Er setzte durch, dass der Sportplatz nicht hier entstand und sagte dem Fußballverein unter Auflagen zu, den Steinbruch zum Fußball spielen zu nutzen. »Viktoria Hardegsen« wurde 1933 von den Nationalsozialisten verboten.

Auf dem Plateau im Steinbruch wohnte von 1939 bis 1945 eine Familie mit sieben Kindern, die Sinti bzw. Roma waren und die französische Staatsbürgerschaft besaßen. Der Mann und später ein Sohn arbeiteten als Zwangsarbeiter auf der Zementfabrik, die ihnen als Unterkunft zwei Holzbaracken auf dem Plateau bauten. Die Kinder besuchten bis 1939 die Hardegser Grundschule, ehe es ihnen durch die Rassengesetze verboten wurde. Mit diesen Gesetzen verfestigten die Nationalsozialisten ihre antisemitische und rassistische Ideologie auf einer Gesetzesgrundlage, die den Kindern aus diesen Familien den Schulbesuch untersagte.

Der Mann wurde im Juni 1941 unter dem Verdacht des Totschlags, den er 1923 im Elsaß begangen haben sollte, verhaftet. Im November 1941 wurde er aus der Untersuchungshaftanstalt Kassel entlassen und kam nach Hardegsen zurück, wo er wieder auf der Zementfabrik arbeitete. 1945 zog die Familie aus Hardegsen weg.

Mühlenstieg (Signatur sas_0019)

1939: Der kleine Steinbruch im oberen Mühlenstieg, aus dem Packlage für den früheren Straßenbau gebrochen wurde. oben führt der Schrägweg durch den spärlich bewachsenen Hang in den Steinbruch auf ein Plateau, das später weggesprengt wurde.

Eine der beiden Holzbaracken siedelte Herr Ernst um. Er kam 1945 als Vertriebener aus Ostpreußen nach Hardegsen, arbeitete auf dem Sägewerk Müller und baute die Baracke ab und errichtete sie 200 Meter weiter unten am Schrägweg neu (heute Vereinsheim des Angelsportvereins). Er wohnte mit seiner Frau in dem Holzhaus. 1950 verkaufte der Mann die Baracke auf dem schmalen Grundstück am Hang an den Schneidermeister Spiwocks, der dann mit Frau und fünf Kindern dort einzog.

Herr Spiwocks baute hangaufwärts zusätzlich ein kleines massives Häuschen mit Küche, kleinem Zimmer und Lagerraum. Er arbeitete als Schneider bei der Hardegser Bekleidungsfirma Lenz in der Bahnhofstraße. In den Folgejahren machte er sich selbstständig und fertigte in seinem Haus maßgeschneiderte Bekleidung an. Kunden reisten z.B. aus Göttingen mit teuren Autos an, parkten am Mühlenstieg, stiegen über den unbefestigten Schrägweg auf und ließen Maß nehmen. Ein Sohn der Familie, Hans Spiwocks, heiratete Ruth Herre von gegenüber, die Tochter von Wilhelm Herre und sie bauten auf dem Grundstück Herre (Am Sonnenberg 4). Ein zweiter Sohn, Gerd Spiwocks baute später mit seiner Frau Elisabeth, geb. Temme, Am Sonnenberg 20, kurz vor dem Bahntunnel.

1946 kam Otto Stenzel als Vertriebener mit seiner Lebensgefährtin Frau Münch nach Hardegsen. Ihr Hab und Gut führten sie auf einem Bollerwagen mit sich. Sie wurden bei Wilhelm Herre untergebracht, der ihnen im ersten Stock des Hauses zwei Zimmer überließ. Während des Krieges hatte Familie Herre bereits Evakuierte aus Hannover aufgenommen. 1943 wurden insgesamt 285 Evakuierte aus Hannover in Hardegsen untergebracht. Dazu kamen ca. 100 aus anderen deutschen Großstädten, die bei Verwandten oder Bekannten aufgenommen worden sind. 1954 zogen dann Frau Münch und Herr Stenzel in das erweiterte Haus der Familie Bernshausen, deren Tochter Anni mit Ehemann Hans Heinrich Sasse und Kind auszog und 1953 nach Kanada auswanderte.

Otto Stenzel war ein Original am Mühlenstieg. Laut schimpfte er die Kinder aus, die seinen Kaninchen zu nah kamen. Gern schlenderte er am Abend zum Dämmerschoppen den Mühlenstieg hinunter zum Hotel »Drei Kronen« und trank sein Abendbier.

Mühlenstieg 1950, rechts oben am Hang das kleine Massivhaus von Schneidermeister Spiwocks mit Holzfinne davor, weiter rechts (nicht im Bild) stand die Holzbaracke. Weiter oben der Kaninchenstall von Otto Stenzel. Er wohnte gegenüber im Haus von Bernshausen und stieg über eingetretene Stufen steil den Hang zu seinen Kaninchen hoch. Unten an der Straße lagerte er Holz, sägte und hackte es und banste (stapelte) es zu Finnen auf, die am Straßenrand standen.

Mühlenstieg (Signatur li_0956)

Das ehemalige Anwesen Spiwocks, heute Anglerheim

Am Mühlenstieg wurde im 2. Weltkrieg eine Fernmeldeleitung von Lutterhausen kommend zur Göttinger Straße geführt. Diese körperlich harte Arbeit, nur mit Hacke und Schaufel, wurde in kürzester Zeit von Inhaftierten des Konzentrationslagers Moringen geleistet. Augenzeugen berichteten, dass sie sehr streng von etlichen bewaffneten SS-Männern überwacht wurden, die sie mit der Waffe im Anschlag zur Arbeit antrieben.

Mühlenstieg (Signatur sas_0027)

Aufnahme ca. 1950: 1948 wurden die beiden linken Häuser, heute Nr. 22 -Bauherr Paul Bernecker – und Nr. 20 – Bauherr Scheele – fertig gestellt. Mit ihren roten Sandsteinfundamenten sind sie typische Häuser, die in dieser Zeit von der Baufirma Otto Schonlau errichtet wurden (z.B. auch Sonnenberg 3, Sohnreystraße3 und das obere Bahnhofstraßen-Viertel. Der üppig bewachsene Garten über dem Grundstück Herre wurde von der Familie Bernshausen bewirtschaftet.

1949 baute Herr Götte auf das Grundstück Nr. 13, Ecke Mühlenstieg/Am Sonnenberg gegenüber von Herre. Göttes wohnten vorher in Lutterhausen. Herr Götte arbeitete auf Portland. Oben in das Haus zog 1950 die Familie Nörtemann ein. Sie wohnten vorher in Trögen. Auch Herr Nörtemann arbeitete wie Herr Götte auf Portland.

Weitere Bauentwicklung: 1949 Nr.7 Gloth, 1950 Nr.9 Neutschmann, 1952 Nr.5 Lenthe und Nr.11 Überrück, 1961 Nr. 10 Zirkel, 1962 Nr.16 (Frohme), 1963 Nr.12 Linne.

Das Haus Nr.5 baute 1952/53 Friedrich Lenthe, der vorher mit seiner Frau und drei Kindern in der »Alten Schule« Ecke Burgstraße/Amtsfreiheit gewohnt hatte. Geboren wurde er 1899 in der Stubenstraße 2. Friedrich Lenthe kaufte das Grundstück schon vor dem 2.Weltkrieg.

Mühlenstieg (Signatur len_0002)

Haus Nr.5 (Lenthe) 1953 vor dem Einzug

Seit der Inbetriebnahme der Zementfabrik 1904 bestimmten zunehmend die Männer den »Verkehr« auf dem Mühlenstieg, die aus den Hardegser Wohngebieten auf »Portland« (Zementwerk) gingen oder später auch zur »Sollinger« (Sollinger Baustoffhandlung«, 1920 als Tochtergesellschaft des Zementwerks gegründet) und nach Feierabend wieder zurück. 600 Meter Straße, die für viele Familien den Lebensunterhalt in die Stadt fließen ließ.

Tag für Tag steigen die Männer zur Früh-, Mittags- und Nachtschicht über Schlaglöcher und Schotter die Straße hinauf, einen Rucksack auf dem Rücken oder eine Aktentasche unter dem Arm. Brucharbeiter, Schmierer, Kohleablader, Packer, Brenner, Schlosser, Maurer, Elektriker, Heizer, Maschinisten, Baggerfahrer, Beschäftigte der Sollinger … zogen den Mühlenstieg hinauf und kamen nach einer 12 Stunden Schicht (bis zum Ende des 1.Weltkriegs) bzw. dann nach einer 8 Stundenschicht oft gezeichnet von ihrer körperlichen Arbeit zurück. Nach ihrer Arbeit waren viele von ihnen noch Kleinbauern, um der Familie die Existenz und die Nahrung zu sichern.

Es gab Jahrzehnte ein Versorgungsritual, das über den Mühlenstieg ablief. Die Ehefrauen oder auch Kindern brachten ihren Männern bzw. Vätern in Henkeltöpfen das Mittagessen in die Fabrik.
Gisela Meyer beschreibt in ihren Erzählungen »Neues aus Hardegsen« diesen Zug der »Henkeltöpfe«:
»Der Henkeltopf hatte die Größe eines kleinen Kochtopfes und war mit Deckel und Tragehenkel versehen.
Die Hausfrau musste das Essen stets pünktlich fertig haben und den Weg einkalkulieren, damit das Essen zur Mittagszeit pünktlich in der Fabrik ankam.
Da sehr viele Hardegser Männer auf »Portland« arbeiteten, waren es ganze Scharen von Frauen und Kindern, die mit dem Henkeltopf in der Hand zur Fabrik eilten. Nachdem der Arbeiter den Topf ausgelöffelt hatte, kamen die Essenträger gemächlichen Schrittes bergab von der Zementfabrik herunter und hatten sich immer viel zu erzählen.

Ab 1937 wurde für die Arbeiter ein enormer Komfort eingeführt. Mussten sie bis zu diesem Zeitpunkt ihr Mittagessen am Arbeitsplatz oder im Freien löffeln, konnten sie jetzt in der Werkskantine an langen Holztischen sitzen und ihre Henkeltöpfe leeren.«
Im Winter war es oft das »Schlachteessen«, das auf Portland gebracht wurde, wenn in der Famile, bei Freunden oder bei Nachbarn das jährliche Schlachtefest stattfand.
Welch weite Strecken für dies Essenversorgung aufgebracht wurde, zeigt das Beispiel von Else Nörtemann, die ihrem Mann Karl von Trögen aus durch die Weper den Henkeltopf brachte, zum Teil mit dem Rad, oftmals aber auch zu Fuß auf der 5 Kilometer langen Strecke. 1950 zogen Nörtemanns zu Götte in den Mühlenstieg, Mitte der 50er Jahre bauten sie in der Sohnreystraße 9. Der Weg in die Fabrik reduzierte sich dadurch erheblich.

Die »Wächter« über den Mühlenstieg waren in den 50er und 60er Jahren Otto Stenzel und Bahnwärter Adolf Bartols. Sie traf man immer an und sie wussten genau, was auf dem Mühlstieg passierte.
Für die Kinder, die im Bereich Sonnenberg/Sohnreystraße aufwuchsen, war das Gebiet zwischen Straße, Schrägweg und Waldrand im Sommer ein Spielparadies, wo Buden gebaut und Verstecken gespielt wurden. Im Winter bei ausgiebig Schnee war der Mühlenstieg Rodelbahn und Skipiste.

Für die Schulkinder aus Lutterhausen war der Mühlenstieg seit 1960 nach Auflösung der örtlichen Schule der tägliche anstrengende Schulweg nach Hardegsen bei Wind und Wetter, im Winter im tiefen Schnee.
Aber auch Hardegser Schulkinder, die die Mittelschule (heute Realschule) in Moringen besuchten (ab 1949), waren auf dem Mühlenstieg unterwegs. Sie fuhren mit dem Rad ohne Gangschaltung zur Schule und benutzten die Abkürzung durch die Weper, anstatt den Umweg über die Ölmühle und das Umspannwerk zu wählen. Dieser 7 Kilometer lange Schulweg mit dem Fahrrad war zwar anstrengend, aber kostenfrei.

Mühlenstieg (Signatur te_0056)

Markantes Bauwerk am Mühlenstieg/Ecke Galgenbergstraße war das Verteilerhäuschen, zu dem die Stromleitung vom Umspannwerk östlich des Galgenbergs über den Schafweg zugeführt wurde. Dann wurde verteilt in alle Richtungen. Eine Stromleitung führte schon Mitte der 30er Jahre durch das Ackerland, auf dem das Baugebiet Sohnreystraße entstand, zum Bahnhof. Auf dem Bild von 1962 sind die Masten noch zu erkennen.

Als nächstes baute Johannes Schonlau, der die Zimmerei und das Sägewerk an der Öhlmühle östlich vor den Toren der Stadt betrieb, ca. 1965 am Mühlenstieg 18. Er baute seinen Bungalow auf eigenen Grund und Boden, denn das Land östlich vom Mühlenstieg bis kurz vor den Wald am Galgenberg gehörte seiner Frau, eine geborene Schlange, deren Familie im Besitz des Anwesens »Drei Kronen« war und früher in dem Fachwerkhaus auf dem Hof der Gaststätte an der Espolde wohnte.
Danach folgten die Häuser Nr.15 (Weiß) und Nr.17 (Stumme).

Die Lückenbebauung des unteren Mühlenstiegs auf den Grundstücken Nr.2 (Splonskowski), Nr.4 (Hamann), Nr.6 (Karl Ahrens aus Gladebeck) und 8 (Gerhard Schulze) fand in den 1970er Jahren statt.

Mühlenstieg (Signatur gs_0050)

1972: Richtfest Nr.8 (Gerhard Schulze)

Ich bedanke mich sehr herzlich bei Werner Herre, Gerhard Schulze, Herbert Heere, Wolfgang Lenthe, Anny Wielert und Dr. Hans-Eckard Sasse, für ergänzende Notizen und Gesprächsinformationen.