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Übersichtskarte

Burgbad Hardegsen – Einst Feuerlöschteich, heute ein modernes Schwimmbad

von Michael Kaiser

Am heutigen Standort des Schwimmbeckens lag ein Feuerlöschteich. Hier brachte einst der Hardegser Turnlehrer Rudolf Hämke der Hardegser Jugend das Schwimmen bei.

Burgbad (Signatur he_0918)

Der alte Feuerlöschteich am »Gießeturm«

1924 entwarf der Hildesheimer Architekt Ewers, ein gebürtiger Hardegser, den Bau einer Turnanstalt mit Wohnung für den Hallenwart mit einem, wie es hieß, »Schwimm-Licht-Luft und Sonnenbade« entwarf. Man hatte den Standort mit Bedacht gewählt, weil sich hier von der Lunau gespeist ein Vor- und Feuerteich befand. Die Bauherren, der »Hardegser Männer-Turn-Verein« und der Verein »Spiel und Sport« rechnete mit der Hilfe der Portland-Zementfabrik. Die Stadt sollte die Bauhölzer aus dem Jahreseinschlag im Stadtforst für den Bau der Turnhalle und die Abdichtung der Teichwände liefern. Insgesamt kalkulierte man mit Baukosten von 33.000 Mark. Die Finanzierung war noch nicht geklärt, die Stadt arm und mit Straßenbaumaßnahmen beschäftigt als man im Sommer 1926 mit dem Bau begann. Alle Vereinsmitglieder und Erwerbslose, so hieß es, halfen tatkräftig mit.

Burgbad (Signatur he_0919)

Der Originalentwurf des Architekten Ewers aus dem Jahre 1924

Die erste Freigabe des Bades erfolgte im Sommer 1928.

Burgbad (Signatur he_0941)

Badegruppe an der östlichen Stirnseite. Hinter dem Zaun steht des ehemalige Schmiede Traupe, später Kaiser.

Die Einzelkarte kostete damals 20 Reichspfennige und für Kinder die Hälfte. Die Monatskarte 2,50 RM und die Dauerkarte bis zu 6 RM. Die sog. »Zellengebühr« für die Holzumkleiden betrug 5 Pfennige.

Burgbad (Signatur he_0921)

Schon vor 90 Jahren wurde um 7 Uhr geöffnet und erst um 20 Uhr (!) geschlossen, außer am Sonntag (18 Uhr). Die langen Öffnungszeiten waren jedoch genau eingeteilt, d.h. die ersten zwei Stunden badeten die Herren, danach die Damen und dann die Kinder, erst danach die Familien und zum Schluss noch einmal die Herren. Dagegen regte sich ein Protest der Bürger und Kurgäste, da Männer und Frauen gemeinsam schwimmen wollten. Zur Begründung, heute nicht mehr denkbar, wird erklärt, dass die Männer den Frauen »beim Erlernen der Schwimmkunst behilflich sein sollen«.

Burgbad (Signatur he_0926)

Das neue Hardegser Schwimmbad direkt neben der neuen Turnhalle, die im November 1929 eingeweiht wurde. Erstaunlich die beiden Bäume, die in der Beckenwand integriert sind.

Schon ein Jahr später gab es Probleme mit der Wasserqualität. Der Lunau-Bach floss durch die Schweineweide der Hardegser Domäne auf der Burg. »Die Schweine, Gänse, Enten und sonstiges Vieh« nahmen ihrerseits im Bache der durch den Komposthaufen der Domäne floss, ihr Bad – wer woltte es ihnen auch verdenken? Dadurch war allerdings der Vorklärteich überfordert. Obwohl man als »aufstrebender Luftkurort« das schmutzige und übelriechende Badewasser beklagte, soll dies bis 1931 so gegangen sein, bis der Kreisarzt mit der Schließung drohte und man das Bad endlich an eine Wasserleitung der Domäne anschloss.

Burgbad (Signatur he_0927)

Interessant ist auch, dass der Badewärter Eder im Jahre 1931 vor dem Kreisausschuss des Kreises Northeim bei einem Streitwert von 50 RM den »Ausschank von Sprudel, Selterswasser und Milch«, nicht jedoch von Flaschenbier zugesprochen bekam, weil 100 m entfernt eine Schankwirtschaft bestand.

Burgbad (Signatur he_0928)

Gruppe mit Schwimmeister Sepp Eder, rechts stehend

In den Jahren des II. Weltkrieges wurden Badeanstalten auch ohne Schwimmmeister, nur mit einer »des Schwimmens kundigen erwachsenen Person« offengehalten, weil diese in den Kriegsdienst einberufen worden waren. Kinder durften nur in Begleitung Erwachsener baden. Sprungbretter und Sprungtürme wurden sicherheitshalber gesperrt. Eintrittskarten gab es zeitweise ebenfalls nicht, da die Druckereien wegen »Personaleinschränkungen« nicht liefern konnte.

Im Jahre 1953 befasste man sich erneut mit der Wasserqualität oder besser der fehlenden Qualität und beschloss den Einbau einer Chloranlage. Schon damals beklagte man Verschmutzung durch den Baumbestand (Eichen).

Burgbad (Signatur he_0954)

Mitte der 1960er Jahre wurden im Freibad Bauarbeiten im Umfange von 185.000 DM durchgeführt. Es wurde eine Umwälzanlage mit Filteranlage eingebaut und das Planschbecken gebaut. Durch die ständige Filterung des Oberflächenwassers und dessen Wiedereinleitung versprach man sich eine stetige, wenn auch sehr langsame Steigerung der Wassertemperatur. 1965 wurde die Fläche der Liegewiese angekauft.

Burgbad (Signatur he_0962)

In der Badeordnung von 1968 ist zu lesen:
»Badegäste beiderlei Geschlechts mit langem Haarschnitt (der normale Herrenhaarschnitt und der Damen-Kurzhaarschnitt fallen nicht darunter) dürfen das Wasserbecken nur mit Badekappen aufsuchen.«
In einer Ratssitzung wurde nachdrücklich darauf verwiesen, dass auch langhaarige Männer zur Sauberhaltung des Wassers, Badekappen zu tragen haben.

Im Jahre 1971 wurde die Beckenwasser-Erwärmungsanlage und die Warmwasser-Reinigungsduschen gebaut. 1975 betrug der Einzelpreis für Erwachsene bereits 1,50 DM und der für Kinder 50 Pfennige. In diesem Jahr gab es eine Hitzewelle im Sommer und es wurden die Rekordzahl von 51.600 Badegästen gezählt.

Anfang der 1980er Jahre hatte man im Nichtschwimmerbecken einmal Farbe eingesetzt, welche die Füße blau färbte, so zumindest ein Beschwerdebrief der Kinder an die Stadtverwaltung.

1982 erwog man die grundlegende Sanierung des Bades für 670.000 DM, weil immer wieder die Fliesen von den Beckenwänden fielen. Die Finanzierung mit einem Eigenanteil von gut 200.000 DM war schließlich mehr als drei Jahre später im Winter 1985 gesichert. Drei Monate später beliefen sich die Baukosten bereits auf 860.000 DM. Zuletzt wurden Mehrkosten von 210.000 DM heftig aus den Reihen des Rates kritisiert.

Burgbad (Signatur he_0981)Burgbad (Signatur he_0994)

Neubau des Schwimmbeckens

Die Neueröffnung des sanierten Bades fand schließlich am 12. Juli 1987 statt.

1989 wurde der bisherige Besucherrekord mit der fast siebenfachen Einwohnerzahl von 56.000 Badegästen eingestellt.

Burgbad (Signatur he_1014)

1991 erwog man die Alte Turnhalle, die als Bauhoflager und Ausstellungsfläche für eine Modelleisenbahn diente, mit einer Sauna, Solarien, Massageplätzen und einem Anbau für eine Caféteria auszustatten. Im Frühjahr 1995 wurde das Freibadfunktionsgebäude um- und neugebaut. Die Gesamtmaßnahme wurde mit 600.000 DM veranschlagt und über die Stadtsanierung gefördert.

Im Sommer 1995 folgte der Bau einer »Absorberanlage«, in der das Badewasser solarthermisch aufbereitet wird. Gegenüber des Freibades zur Steinbreite hin wurde auf einer 700 qm großen ehemaligen Gartenfläche eine Gesamtrohrstrecke von kaum vorstellbaren 23 km verlegt, die für bis zu 26 Grad warmes Wasser sorgt.

Burgbad  (Signatur hae_1626)

Rechts vom Schwimmbad erkennt man die »Absorberanlage« als schwarze Fläche.

2003 und 2004 befasste man sich mit dem Bau eines Blockheizkraftwerkes um die Bewirtschaftungskosten drastisch zu senken. Man wollte auch das Muthaus beheizen. Dazu kam es dann allerdings nicht, doch ist dies auch heute für die gesamte Altstadt wieder ein aktuelles Thema. Man sanierte die Wasseraufbereitungstechnik, verbaute neue Rohrleitungen rund um die Becken, um eine bessere Durchströmung zu erzielen. Es wurde die Pumpen- und Filtertechnik erneuert. Das Kinderplanschbecken neugestaltet und an die Umwälzanlage angeschlossen. Insgesamt wurden 600.000 Euro investiert, um sich von der Gas-Beheizung zu lösen, auch wenn die Wassertemperatur nun nicht mehr garantiert werden konnte.

Im Winter 2009 präsentierte sich das Schwimmerbecken mit einer Eisdecke von 15 cm Stärke als Schlittschuhbahn

Ein Jahr später machte man sich auf die Suche nach einem Trägerverein, da man andernfalls das Bad Ende 2011 schließen wollte, weil es ein jährliches Minus von bis zu 140.000 Euro erwirtschaftete. Das drohende Aus des Bades war schließlich 2008 die Geburtsstunde des Fördervereins Freibad Hardegsen e.V., dem die Rettung des Freibades zu verdanken ist.

Das Freibad hat sich in über 90 Jahren von einem Feuerlöschteich, dessen Wasser den landwirtschaftlichen Viehhaltungsprozess durchlaufen hatte zu einem modernen Familien-Freibad entwickelt und zählt zu den Spitzenbädern in der Region.
Aktuell hofft die Verwaltung der Stadt auf eine Förderung von 2,2 Mio Euro für eine erneute Badsanierung zu einem »barrierefreien und klimafreundlichen Sportbad« im Umfang von bislang einmaligen 2,82 Mio Euro, mit der u.a. das 50m-Schwimmerbecken und das Nichtschwimmerbecken in Edelstahlbauweise neu gebaut und mit moderner und vorschriftsmäßiger Umwälztechnik ausgestattet werden sollen.

Zu Corona-Zeiten konnte 2020 mit 14.300 Besucher*innen ein sehr respektables Besucherergebnis erzielt werden, das besser war als in manchem Regenjahr. In diesem Jahr wurde auch eine Beachvolleyballanlage im oberen Bereich der Liegewiese in Betrieb genommen.