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Molkerei und Milchverkauf

von Andreas Lindemeier

Achtzig Jahre lang war die Molkerei in Hardegsen eine wesentliche Versorgungseinrichtung, die Milch, Butter, Quark und Käse lieferte. Mit sehr wenigen Arbeitskräften wurde eine große Menge an Lebensmitteln produziert.

Bis ins 19. Jahrhundert spielte im ländlichen Südniedersachsen in der Landwirtschaft der Getreideanbau die größte Rolle. Das änderte sich u.a. durch Agrarreformen, durch die Abwanderung von Arbeitskräften in die aufblühende Industrie und vor allem durch eine starke Nachfrage von Milchprodukten in den Städten.

»Bis in die 1880er Jahre verarbeitete man allgemein die Milch im landwirtschaftlichen Haushalt nach alten Methoden. Man ließ sie aufrahmen und gewann aus dem abgeschöpften Rahm Butter, die bei den heimischen Kaufleuten, im Hausierhandel und im Warentausch abgesetzt wurde.« (1)

Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden Sammelmeiereien, in denen die Milch mehrerer Landwirte gesammelt, verarbeitet und verkauft wurde. Ab den 1870er Jahren wurden derartige Molkereien nach dem Vorbild landwirtschaftlicher Genossenschaften durch die Milcherzeuger selbst gegründet und betrieben. Das Prinzip, nach dem sie aufgebaut wurden, stammte von Friedrich Wilhelm Raiffeisen.
Der Einsatz von Dampfmaschinen und mechanischen Zentrifugen zur Milchentrahmung förderte die Entwicklung der Milchverarbeitung. Zwischen 1890 und dem Beginn des Ersten Weltkrieges entstanden in ganz Deutschland genossenschaftliche Molkereien, in denen die Milch der Mitglieder verarbeitet wurde.

Bis 1930 gab es im damaligen Landkreis Northeim in 25 der 80 Gemeinden Molkereien. Die erste hatte 1888 in der Kreisstadt ihren Betrieb aufgenommen.

In Hardegsen gründeten am 2. Januar 1894 in der Küsterschen Gastwirtschaft (später »Drei Kronen«) 72 Milchbauern aus den Ortschaften Hardegsen, Lutterhausen, Ellierode, Hevensen, Ertinghausen und Hettensen eine genossenschaftliche Molkerei. Als der Betrieb am 13.1.1994 beim Amtsgericht in Moringen eingetragen wurden, waren es schon 122 Genossen.

Alte Hardegser Molkerei (Signatur li_1227)

1896 gezeichnete Postkarte, erste Abbildung der Molkerei

Als Standort wählte man ein Grundstück am Anfang der Bahnhofstraße, das verkehrstechnisch günstig lag. Den Bau der Betriebsgebäude führte die Firma von Maurermeister Otto Schonlau aus Hardegsen durch, Baubeginn war im Frühjahr 1894. Die notwendigen Maschinen lieferte das Bergedorfer Eisenwerk. Anfang 1895 nahm die Molkerei ihren Betrieb auf.

Bis 1933 wurde aus elf Ortschaften Milch angeliefert: aus Hardegsen, Hevensen, Wolbrechtshausen, Lutterhausen, Trögen, Üssinghausen, Espol, Ertinghausen, Lichtenborn, Ellierode und Hettensen. Die Kannen der Lieferanten waren nummeriert, um Verwechslungen auszuschließen. Dafür wurden praktischerweise die Kontonummern der Genossenschaftsmitgliedern verwendet.

Zwischen 1934 und 1950 lieferte Espol zur Molkerei Fredelsloh, danach wieder zur Hardegser Molkerei. Wolbrechtshausen lieferte nach Nörten-Hardenberg.

Alte Hardegser Molkerei (Signatur li_1253)

Lage der Molkerei im Flächennutzungsplan der Stadt Hardegsen von 1930

Das Herzstück der Molkerei war das Kesselhaus. Der Kessel darin wurde sechzig Jahre lang mit Steinkohle befeuert. Man fuhr sie erst mit Pferdefuhrwerken, später mit Lastkraftwagen herbei. Der Rauch wurde über einen weithin sichtbaren Schornstein abgeleitet. Der erzeugte Dampf gelangte zur Dampfmaschine, die im Haupthaus stand und die Maschinen antrieb. Der Kohlebunker lag im Kesselhaus. Für diese Arbeiten war ein eigens angestellter Maschinist zuständig.

Nach der Währungsunion 1948 begann der Ausbau der Molkerei zu einem modernen Betrieb:
Bereits 1946 war ein Wirtschaftsgebäude auf dem Hof errichtet worden, 1950 erfolgte der Anbau eines Käsereigebäudes und die Anschaffung einer neuen Kühlanlage. 1952 wurden ein neuer Rahmreifer und neue Käsewannen installiert.
Die in Kannen angelieferte Milch war bis Anfang der 1950er Jahre händisch zu den Verarbeitungsmaschinen transportiert worden. Um 1952 herum konnte diese schwere körperliche Arbeit durch den Einbau eines Rollförderbandes erleichtert werden. (Einzelne Maschinen und Verarbeitungsgeräte sind in der Bildreihe »Molkerei« weiter oben im Fotomuseum dargestellt).

Alte Hardegser Molkerei (Signatur li_1254)

Der junge Jürgen Zobel (Lehre 1952-1955) sitzt draußen vor der Molkerei auf dem Rollförderband, über das die Milchkannen in die Molkerei transportiert werden.

Welchen Umfang die Produktion mit diesen Mitteln bewältigen konnte, verrät ein Blick auf die Zahlen. 1951 lag Hardegsen mit einer verarbeiteten Jahresmilchmenge von 3.571.919 kg hinter Northeim, Nörten-Hardenberg, Uslar, Katlenburg und Bodenfelde an sechster Stelle im Landkreis. Produziert wurden, in der Reihenfolge der Produktionsmenge: Trinkvollmilch, Butter, Sauermilchquark, Speisequark, Weichkäse und Hartkäse.

Die Geschichte der Milchwirtschaft ist nicht nur ein abstraktes Abbild vergangener Produktionsbedingungen, sie ist auch eng mit Biographien der Mitarbeiter verknüpft. Einige davon möchten wir vorstellen.

1952 begann der damals 16jährige Jürgen Zobel, in der Molkerei zu arbeiten. Er stammte aus Herzberg an der Elster und war bei Kriegsende mit seinen Eltern vor der einmarschierenden Sowjetarmee in die britische Besatzungszone geflohen. Sein Vater suchte für den Sohn eine Lehrstelle, die Kost und Logis beinhaltete. Auf zwanzig Bewerbungen bei Molkereien erhielt Jürgen die Zusage aus Hardegsen. Er bezog eine Wohnung im Obergeschoss der Molkerei, wo sich zu dieser Zeit auch die Dienstwohnung des Betriebsleiters befand.

Das war von 1942 bis 1970 war Wilhelm Helmke, der 1942 in dieser Funktion Wilhelm Crone abgelöst hatte. Neben dem Leiter waren in den 1950er Jahren ein Mitarbeiter im Büro, ein Maschinist, ein Gehilfe, eine Hilfskraft und ein Lehrling in der Molkerei tätig. Diese sechs Arbeitskräfte schafften es, die großen Mengen angelieferter Milch zu verarbeiten.

Jürgen Zobel lernte drei Jahre lang, bis 1955. Anschließend arbeitete er ein Jahr lang in der Stellung als Gehilfe und wechselte dann zu einer Molkerei in Bad Pyrmont. Er heiratete 1960 seine Frau Thea, geb. Klare, die auf dem Gelände des Zementwerkes wohnte. Beide hatten sich Mitte der 1950er Jahre, wie so viele Hardegser Paare, beim Jugendchor kennengelernt. Jürgen Zobel arbeitete schließlich beim Milchhof Göttingen und machte sich zusammen mit seiner Frau mit einem Milchgeschäft in Göttingen selbstständig.

Der Betriebsleiter Wilhelm Helmke wohnte in der Dienstwohnung neben dem Lehrling. 1951 baute Helmke ein eigenes Haus schräg gegenüber an der Bahnhofstraße 7 und zog dort 1952 ein.

Alte Hardegser Molkerei (Signatur li_1230)Alte Hardegser Molkerei (Signatur emue_0010)

Modernisierung im Bereich der Butter- und Quarkherstellung, oben 1953, unten ca. 1970

Die Modernisierung der Hardegser Molkerei ging stetig weiter. 1956 erfolgte die Aufstellung eines Butterformautomaten sowie zweier neuer Förderbänder, 1958 die Installation einer Tiefkühlwanne für Verkaufsmilch und einer Eiswasseranlage. Drei Jahre darauf wurde das Kesselhaus erneuert und auf Schweröl statt Steinkohle als Energielieferant umgestellt. Dafür ließ man einen Tank, der 50.000 Liter fasste, in den Boden ein. Im gleichen Zeitraum konnte eine automatischen Milchwaage angeschafft werden. Kurz darauf wurde die Butterei umgestaltet. 1963 erfolgte der Kauf eines Tiefkühlbehälters für Schlagsahne, und die Einrichtung für die Kurzzeiterhitzung der Verarbeitungsmilch konnte erneuert werden. (2)

In diese Zeit der Investitionen und des Aufbruchs fiel auch der Neubau eines Wohnhauses für Betriebsangehörige in der Bahnhofsstraße 4, der von 1965 bis 1966 umgesetzt werden konnte.

1969 wurden 5-6 Millionen Kilogramm Milch verarbeitet, die von 175 Milchbauern geliefert wurde.

Im April 1973 legte der Leiter der Molkerei, Wilhelm Helmkes Nachfolger Karl Schaffmeister, auf der Jahreshauptversammlung eine gute wirtschaftliche Bilanz vor. In den letzten drei Jahren sind 300.000 DM in die Produktionsanlage investiert worden.

In den 1970er Jahren erfasste die Modernisierungswelle die Molkereien selbst. Viele kleine Produktionsstätten wurden zu Großbetrieben fusioniert. Hatte es 1950 in Deutschland noch 3401 Molkereien gegeben, waren es 1982 nur noch 687, 2015 nur noch 70 Betriebe.
Binnen weniger Monate wurde auch das Ende der Hardegser Molkerei besiegelt. Sie war auf Dauer nicht mehr konkurrenzfähig und wurde vom Milchhof Göttingen übernommen. Den Beschluss dazu fasste eine außerordentliche Generalversammlung im Dezember 1973.

Das Molkereigebäude und das Grundstück wurden kurz darauf von der Firma Erhard Müller, Sanitär- und Heizungsbau, erworben, der seinen 1968 in Volpriehausen gegründeten Betrieb nach Hardegsen verlagern wollte. Als die Firma nach Hardegsen zog, beschäftigte sie 12 Mitarbeiter.

Die Maschinen der Molkerei wurden ausgebaut (siehe dazu auch die Bildreihe »Molkerei«) und das Gebäude erneuert und umgebaut. Zu Beginn der 1990er Jahre wurde es um einen Ausstellungsraum und eine Tiefgarage für die Firmenfahrzeuge erweitert.

Heute arbeiten zwölf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und zwei Lehrlinge für die Erhard Müller GmbH 12 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Geschäftsführer ist Schwiegersohn Bernd Sprenger.

Das Wohnhaus der Molkerei in der Bahnhofstraße 4 wurde an den Landwirt Ernst Voges aus Thüdinghausen verkauft.

Alte Hardegser Molkerei (Signatur li_1252)

Die ab 1974 umgebaute Molkerei

Milchverkauf in Hardegsen

Gehen wir noch einmal weit ins 20. Jahrhundert zurück, um ein Licht auf den Milchverkauf in Hardegsen zu werfen. August Sprenger, geb. 1897, arbeitete als Gehilfe in der Molkerei. Er wohnte am oberen Rollberg 28, heute Ecke Lange Straße/Burgstraße. Im Nebenerwerb vertrieb er Milch. Schon im Einwohnerverzeichnis von 1936 wird seine Milchhandlung aufgeführt.

Alte Hardegser Molkerei (Signatur li_1255)

Die Milchhandlung Sprenger, links August Sprenger, rechtes Jürgen Zobel, der in der Molkerei lernte und häufig bei August Sprenger im Geschäft aushalf.

Eine Filiale dieses Geschäftes existierte in einem kleinen Haus gegenüber der Molkerei auf dem Grundstück des Küsterschen Gasthauses später Drei Kronen, an der Espoldebrücke. Hier führte Tante Lina das kleine Geschäft, wo immer reger Betrieb herrschte. Das ab 1950 erschlossene Baugebiet um Sohnreystraße und Am Sonnenberg brachte neue Kundschaft.

Tante Lina hieß Lina Reingardt, wohnte Am Rollberg 27 und war unverheiratet. Sie machte besonders den Kindern immer wieder eine Freude, denn sie spendierte Süßigkeiten. Legendär war das »Sahneeis«: ein bisschen Schlagsahne in einem kleinen runden Waffelbecher.

Gisela Meyer-Pickel beschreibt in ihren Geschichten »Aus und um Hardegsen« den mobilen Milchverkauf in Hardegsen: »Anfangs nach der Geschäftseröffnung fuhr August Sprenger noch mit einem pferdebespannten Milchwagen in der Innenstadt umher und die Hausfrauen und größeren Kinder konnten direkt vor der Haustür oder an der nächsten Straßenecke einkaufen. Umständlich war es immer, das Pferd Max anzuschirren, das seinen Stall im hinteren Teil des Hauses hatte. Max musste immer durch den Hausflur am Wohnbereich vorbei nach vorn auf die Straße geführt werden. Den unteren Teil der Stadt befuhr Herr Sprenger nicht. Hier wurde seine Frau tätig. Sie trug – beginnend an der Göttinger Straße – eine 10-Liter-Kanne herum und verkaufte von Haus zu Haus. War die Kanne leer, lief sie schnell zurück in die nahe Molkerei und füllte ihre Kanne erneut«. (3)

Später benutzte August Sprenger bei seinen Verkaufsfahrten durch die Stadt den dreirädrigen »Goliath«. Das war ein Kleintransporter von Borgward, auf dessen Ladefläche mehrere Kannen standen, aus denen August die Milch für seine Kundschaft schöpfte. Das Gefährt stellte er in einer Scheune Am Plan unter, die er angemietet hatte.

Bevor August Sprenger sein Geschäft am Rollberg eröffnete, »hatte es nur eine kleine – von Gustav Waldtmann bis 1936 betriebene – Milchverkaufsstelle im Haus Pertz in der Burgstraße (heute Haus Hauptvogel Nr.16) gegeben. Hier war aus einem kleinen Seitenfenster die Milch verkauft worden.« (3)

1960 gab August Sprenger den Milchverkauf auf. Seine Nachfolge traten Walburg und Reinhard Stehlmann in der Langen Straße 17 im Haus Kasten an. Sie räumten das Wohnzimmer aus und richteten eine Verkaufsstelle ein.

Walburg Stehlmann war in der Hardegser Molkerei aufgewachsen. Ihr Vater war Wilhelm Crone, der Betriebsleiter der Molkerei zwischen 1937 und 1942. Die Familie hatte in der Dienstwohnung im Obergeschoss der Molkerei gewohnt. Wilhelm Crone wurde als Soldat in den Zweiten Weltkrieg eingezogen und kam erst 1948 aus der Gefangenschaft wieder zurück. Im Jahr darauf zog die Familie nach Moringen zum Bruder von Wilhelm Crone. Wilhelm bildete sich fort und begann 1951 eine Harzkäserei in Moringen aufzubauen, er bezog seine Rohstoffe von der Molkerei Hardegsen.

Die große Modernisierungswelle der 1960er Jahre, die die Arbeit der Molkerei verändert hatte, wirkte auch auf im Milchverkauf aus. Darauf weist eine Meldung im Stadtanzeiger vom Oktober 1964 hin: »Die Milchgeschäfte in Hardegsen sind am 30.8.1964 letztmalig am Sonntag geöffnet«. (2) Vorher wurde an jedem Tag der Woche Frischmilch verkauft, da es in den Haushalten an Kühlmöglichkeiten fehlte, die die leicht verderbliche Milch übers Wochenende hätten frischhalten können. Dieses Problem löste der Einzug der Kühlschränke in private Haushalte in den 1960er Jahren.

Das Milchgeschäft in der Langen Straße entwickelte sich so gut, dass Herr und Frau Stehlmann 1965 das Haus von Kasten abkauften und den Laden umbauten. Sie führten ihr Geschäft bis Ende 1987. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich schon Supermärkte etabliert, die dieses Segment des Milcheinzelhandels übernahmen.

Quellen

(1) Der Landkreis Northeim, Walter Dorn Verlag, Bremen 1952
(2) Die Daten zur Gründung und Entwicklung der Molkerei sind einer kleinen Broschüre entnommen, die die Molkerei anlässlich ihres 75jährigen Bestehens im Juni 1969 veröffentlichte.
(3) Gisela Meyer, Geschichten aus und um Hardegsen, Hardegsen 2000

Ein großer Dank geht an Jürgen Zobel, der heute in Bovenden lebt und an Erhard Müller, der jetzt in einer Penthouse-Wohnung der neuen Wohnanlage auf dem ehemaligen Drei-Kronen-Gelände wohnt. Beide stellten Fotos und Informationen zur Verfügung.

Die Informationen zum Milchverkauf in Hardegsen lieferte Walburg Stehlmann, die mit ihrem Mann Reinhard in Bad Pyrmont lebt – vielen Dank.

Besten Dank auch an Gisela Meyer-Pickel für den Text zu »Milch-Sprenger«.

Lektorat Susanne Hösel