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Übersichtskarte

Das Hardegser Sportheim: früher Gästehaus, heute Sport- und Begegnungsstätte

von Andreas Lindemeier

Sportplätze waren in Hardegsen jahrzehntelang ein Provisorium. So wurde Fußball eine Zeit lang auf dem Galgenberg gespielt, geturnt wurde auf der Steinbreite. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ein Sportplatz in den Teichwiesen angelegt – ein Kraftakt für viele Mitglieder des Sportvereins.

Sportheim (Signatur li_1222)

In den 1930er Jahren: Blick von der Bahnhofstraße auf die Teichwiesen. Hier wurde nach dem Zweiten Weltkrieg ein Sportplatz in Nord-Süd-Richtung angelegt.

Von 1951 bis 1953 wurde der neue, heutige Sportplatz mit einer 400 Meter langen Umlaufbahn fertiggestellt. Bauträger war die Stadt Hardegsen. Neben Mitteln aus dem sogenannten Notstandsprogramm waren umfangreiche Eigenleistungen von Vereinsmitgliedern in das Bauprojekt geflossen.
»Diese guten Erfahrungen mit der Eigeninitiative der Mitglieder bewegten den Vorstand des Hardegser Sportvereins, die Planungen für ein vereinseigenes Sportheim am Sportplatz voranzutreiben. Das Gebäude sollte auf Kosten des Vereins gebaut werden. Jedes Mitglied hatte eine bestimmte Anzahl Arbeitsstunden abzuleisten oder dafür eine bestimmte Summe zu zahlen. Im Verlaufe des Baus stellte es sich heraus, dass diese Aufgabe für den Verein zu groß war. So war man gezwungen, das sich im Rohbau befindliche Gebäude der Stadt zu übereignen, die es dann 1956 fertigstellte. Es soll aber nicht vergessen werden, dass viele unentgeltliche Stunden von Vereinsmitgliedern am Sportheimbau geleistet wurden (allein 400 Stunden vom Lehrer der Volksschule Hardegsen Friedrich Merx).« (1)

Sportheim (Signatur 0006)

1956 gerät der Rohbau ins Stocken, dem Verein sind die Mittel ausgegangen. Die Stadt Hardegsen übernimmt und stellt das Jugendsportheim 1958 fertig.

Das Gebäude wurde zum einen durch den Sportverein genutzt, im Keller waren die Umkleidekabinen und im Erdgeschoss der Aufenthaltsraum. Zum anderen wurden im ersten Stock zwei Schlafräume mit Etagenbetten und ein kleines Betreuerzimmer eingerichtet, um das Haus auch als Gästehaus bzw. als Jugendsportheim nutzen zu können.

Dieses Gästehaus wurde von 1957 bis 1970 von der Familie Barkewitz betreut. Ellinor Barkewitz bekochte die Gastgruppen, Ehemann Heinz-Peter unterstützte seine Ehefrau nach seinem Dienstschluss bei der Post. Beide wohnten mit den drei Kindern Roswitha, Sigrun und Frank im Jugendsportheim. Das Wohnzimmer der Familie und die Küche befanden sich im Erdgeschoss, die Schlafzimmer im ersten Stock.
Frau Barkewitz bereitete Frühstück, Mittagessen und Abendbrot in der Familienküche zu. Die Gäste aßen im großen Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss, der wie heute auch über einen Zugang vom Sportplatz zu betreten war.

In den Jahren 1958 bis 1970 wurde das Jugendsportheim von vielen regionalen, aber auch einigen überregionalen Gruppen besucht, worüber die Eintragungen in das Gästebuch des Hauses anschaulich Zeugnis ablegen.
Die Übernachtungszahlen des Heimes flossen in die amtliche Fremdenverkehrsstatistik ein. Im Unterkunftsverzeichnis der Stadt Hardegsen von 1961 wurden im »Neuen Sportheim« 24 Betten in zwei Räumen und ein Einzelzimmer angeboten. Die Übernachtung mit Frühstück kostete 3,90 DM.

Die erste Eintragung in das Gästebuch nahmen bei der offiziellen Einweihung am 7. April 1958 Bürgermeister Heinrich Wemmel und Stadtdirektor Ernst Fischer vor: »Dieses Gästebuch soll den nachfolgenden Generationen Aufschluss geben über die sportliche Arbeit im Jugendsportheim der Stadt Hardegsen.«

Sportheim (Signatur li_1217)

Die guten Geister des Gästehauses: Ellinor Barkewitz und Ehemann Heinz-Peter

Als erste Gruppe verewigte sich der SSV Hellas Göttingen, u.a. anderem mit dem späteren Vorsitzenden des ASC Göttingen, August Schütte. Die damaligen Schwimmer führten ein siebentägiges Trainingslager im Hardegser Schwimmbad durch. Sie kamen in den Folgejahren immer wieder. Viele aus dieser Gruppe wechselten zum Basketball. Sie entwickelten eine freundschaftliche Beziehung zu den Hardegser Basketballern, die sich hier um ihren Mentor Dr. Gerd Bredenschey geschart hatten und die auch fast alle Schwimmer waren.
Es waren sehr unterschiedliche Gruppen, die im Hardegser Jugendsportheim zu Gast waren. Eine der Eintragungen im Gästebuch fasst zusammen, warum sie hierher kamen: »Für Schwimmen und Sport ist Hardegsen der rechte Ort.«
Das Schwimmbad, der Sportplatz mit Umlaufbahn und Basketballplatz und die Wanderwege durch die umliegenden Wälder machten Hardegsen attraktiv. Dazu kam die direkte Bahnverbindung, die viele Gruppen nutzten.

Stammgäste waren Klassen der Mittelpunktschule Katlenburg und der Volksschulen Gillersheim und Berka, die in den 1960er Jahren in jedem Sommer mit der Bahn an den Rand des Sollings reisten und jeweils eine Woche im Sportheim blieben. Die Gründe für den Aufenthalt drückt der Gästebucheintrag der Volksschule Gillersheim aus dem Juni 1964 aus:
»Wir kamen nach Hardegsen, um das Schwimmen zu lernen. Die Ausbeute: 8 Freischwimmer, 7 Fahrtenschwimmer und 2 Jugendschwimmscheine. Alle Voraussetzungen waren gegeben: Wasser – Sonne – beste Verpflegung bei Frau Barkewitz.«
Die Seele des Hauses war Ellinor Barkewitz. Gästebuchzitat: »Tante Lore wurde von allen geliebt«. Ihr Ehemann Heinz unterstützte sie, wo er nur konnte. Der heranwachsende Sohn Frank war bei etlichen Mädchengruppen der Hahn im Korb und bekam schon einmal einen freundlichen Brief unter der Tür seines Zimmers durchgesteckt. Die Schulklassen fuhren immer gern zur Barkewitz-Familie nach Hardegsen.

Ein zweiter Gästeschwerpunkt waren die Sportgruppen, die auf dem Sportplatz oder im Schwimmbad Trainingslager absolvierten. Ob Badmintonspieler aus Hannover und Bochum oder Basketballer und Schwimmer aus Göttingen, das Hardegser Sportheim war ein beliebtes Ziel. Mehrere Fußballmannschaften übernachteten in Hardegsen vor einem entscheidenden Spiel, so etwa die erste Mannschaft der SVG Göttingen vor dem Lokalderby gegen Göttingen 05 im Jahr 1961. Der Aufenthalt lief so gut, dass die Mannschaft im Folgejahr wiederkehrte. Der SuS Northeim holte sich an der Espolde letzte Kraft vor dem größten Spiel der Vereinsgeschichte, dem Pokalspiel im Januar 1965 gegen den MSV Duisburg. Die weiteste Anreise hatte im März 1964 der Florisdorfer Athletiksport-Club Wien, der mehrere Tage in Hardegsen weilte. Gern saßen in den 1960er Jahren auch die lokalen, damals sehr erfolgreichen Jugendfußballer des Hardegser Sportvereins mit ihrem geschäftigen Trainer Heinz Müller im Sportheim zusammen.

Im Vereinsgebäude fanden viele Sportfortbildungen statt. Es kamen sowohl Lehrkräfte aus der Region als auch Lehrwarte und Kampfrichter des Niedersächsischen Leichtathletikverbandes. Ein wichtiger Vermittler und Initiator war damals Fritz Held. Der pensionierte Lehrer ließ sich 1964 in Hardegsen nieder und engagierte sich in der Abnahme der Sportabzeichen und in der Förderung der Leichtathletik.

Sportheim (Signatur li_1212)

Hausmusik für die Gäste: Heinz und Frank Barkewitz gestalten das Abendprogramm

Die längste Verweildauer im Sportheim hatten die Gruppen, die über »Student für Berlin« vermittelt wurden. Die damalige Organisation organisierte bis zu vierwöchige Austauschprogramme für Berliner Jungen und Mädchen, die es genossen, ihre Freizeit ausgiebig in der ländlichen, naturnahen Umgebung verbringen zu können.

Viele junge Gäste gehörten aber auch regionalen kirchlichen Jugendgruppen oder den Pfadfindern an, die oft übers Wochenende kamen. Es fanden auch mehrtägige Sitzungen von politischen Parteien und gewerkschaftlichen Gruppierungen statt.

Regelmäßig reisten auch Gäste des Staatlichen Instituts für Geologie Hamburg an. Wissenschaftler aus Europa, Asien und Afrika führten dann in der Hardegser Umgebung geologische Untersuchungen und Kartierungsarbeiten durch, was in der Übergangszone von Kalkstein und Sandstein besonders interessant war.

Ab und zu übernachteten auch einzelne Familien. Ein besonderer Eintrag ins Gästebuch findet sich dazu vom 6. Oktober 1960. »Das Sportheim in Hardegsen gehört zu den vielen freudigen Überraschungen, die uns auf unserer Deutschlandfahrt wortwörtlich über den Weg gelaufen sind«, schreibt Familie Pohle aus Mexiko.

Das Sportheim Hardegsen war in den 1960er Jahren regional und überregional bekannt und brachte sehr viele unterschiedliche Gäste, auch internationale, an den Rand des Sollings. Das wurde ermöglicht durch die Weitsicht der politischen Vertreter der Stadt, die Mitte der 1950er Jahre in die Jugend investierten. Umgesetzt hat diese Initiative dann die Familie Barkewitz, die die angereisten Gruppen mit familiärer Gastfreundschaft betreute.

Am 9.12.1963 fand im Jugendsportheim sogar eine Hauptverhandlung der II. Strafkammer des Landgerichtes Göttingen in einer Strafsache wegen Brandstiftung statt. Der Angeklagte hatte im Sommer im Hardegser Stadtforst mehrere Brände gelegt. Er wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.

Das endgültige Aus für das Gästehaus erfolgte 1971, da in das Gebäude mit dem beengten Übernachtungsquartier im ersten Stock hätte sehr viel investiert werden müssen, um die erforderlichen Anforderungen zu erfüllen.

Die Familie Barkewitz zog 1970 in eines der Posthäuser in der Straße Am Gladeberg. Das Sportheim stand nun nur noch für die Gruppen des Sportvereins zur Verfügung.

Im Januar 2000 beschloss der Hardegser Sportverein auf seiner 128. Generalversammlung bei nur zwei Gegenstimmen, das marode Sportheim zu sanieren und mit einem Anbau zusätzlichen Raum zu schaffen. Der geplante Anbau umfasst ein Keller- und ein Erdgeschoss mit einer Fläche von je knapp 100 Quadratmetern. Der Sportverein erwarb das alte Gebäude in Erbpacht von der Stadt Hardegsen.

Das Finanzierungskonzept umfasste ein Gesamtvolumen von ca. 300.000 Euro und baute dabei auf erhebliche Eigenleistungen der Mitglieder und einen Zuschuss des Landessportbundes. Dazu wurde ein Darlehen aufgenommen. Auch Sponsorengelder standen für die Finanzierung des Vorhabens zur Verfügung. Der Sportverein zählte zu diesem Zeitpunkt 977 Mitglieder.

Ein fachkompetenter Bauausschuss aus Vereinsmitgliedern plante und begleitete die Baumaßnahmen. Er bestand aus Rainer Lindemeier, Lutz Bertram, Günter Geese, Thorsten May, Heinz Müller unter Federführung von Uwe Kosel.

Sportheim (Signatur li_1218)

Der Bauausschuss lenkte den Um- und Erweiterungsbau. Der Motor war Uwe Kosel

Die Um- und Neubauarbeiten begannen am 7. Oktober 2000. Schon Ende Januar 2001 feierte der Verein Richtfest.

Im Keller des Anbaus wurden neue Umkleidekabinen eingerichtet, außerdem gibt es neue Duschanlagen und eine moderne Heizung.

Pünktlich zum 130. Jubiläum des Vereins wurde das neue Sportheim am 26.10.2002 durch den Vorsitzenden Hans-Jürgen Erkert eingeweiht. Er hob hervor, dass dieser Neu- und Umbau nur durch enorme Eigenleistungen erfolgen konnte. Der Bauleiter Uwe Kiosel veranschaulichte diese Aussage mit konkreten Zahlen: 7000 Stunden Eigenarbeit seien erbracht worden, und zwar durch 138 Vereinsmitglieder. Den Löwenanteil leistete allerdings eine Gruppe von 15 Mitgliedern, die unglaubliche zwei Drittel der Arbeiten erledigten. An der Spitze der Einsatzkräfte stand federführend der Bauausschuss. Das voll funktionsfähige Gebäude hat 256.000 Euro gekostet.

Sportheim (Signatur li_1223)

Viele Vereinmitglieder wirkten mit, wie hier Helmuth May und Heinz Müller.

Sportheim (Signatur li_1225)

Das neue Sportheim im Oktober 2022

In den Folgejahren entwickelte sich das neue Vereinsheim als Sport-, Feier- und Begegnungsstätte zu einer wichtigen Gemeinschaftseinrichtung in der Stadt Hardegsen.

2003 nutzten über 200 Aktive die besonderen Kursangebote, die von morgens bis abends auf der neuen großen Sportfläche angeboten wurden. Über 100 neue Mitglieder konnten mit diesem Angebot aus dem Bereich Fitness- und Gesundheitssport für den Verein gewonnen werden. Bis zu 15 Kursangebote fanden in der Woche im Sportheim statt.

Durch den Umbau- und Erweiterungsbau des Gebäudes konnte der Verein wichtige Impulse gewinnen: Neue Sportarten konnten angeboten werden, neue Mitglieder wurden gewonnen, die Geschäftsstelle wurde erweitert. Die Mitgliederzahl wuchs auf über eintausend Sportfans.

(1) 125 Jahre Hardegser Sportverein, Hrsg. HSV Festschrift zum Jubiläum, 1997

Mein Dank gilt Brunhilde Friedebold, die mir Kopien aus dem Gästebuch vorbeibrachte und somit den Anstoß für den Text gab.

Großer Dank geht auch an Frank Barkewitz, der mir Informationen lieferte und Fotos zur Verfügung stellte.

Das Originalgästebuch war nicht zu finden, ebenso wenig wie Fotos aus den zwei Gästezimmern und dem Gemeinschaftsraum. Vielleicht kann jemand helfen? Dieser Text ist mit Ihrer Hilfe jederzeit ergänzbar.

Lektorat Susanne Hösel